Schensi-Hunde, Pariahunde,
wildlebende Strassen- und Streunerhunde - Hunde vom Urtyp
Wo der Mensch ist, ist auch der Hund:
Naturrasse und Rassehund auf Madagaskar
Es gibt praktisch keinen besiedelten Flecken in der
Welt, auf dem nicht auch der Hund anzutreffen ist. Nach einem in Madagaskar
weit verbreiteten Mythos stammt der Hund vom Menschen ab. Über die Hunde in
Madagaskar ein Artikel des anerkannten und engagierten Biologen und
Hundefachmannes Dr. Frank Wörner.
Madagaskar,
die von der Moderne übersehene große Insel im Indischen Ozean, wurde erst
vor etwa 1500 Jahren von Menschen entdeckt und besiedelt. Alle Haustiere,
die das heutige Madagaskar aufweist, kamen mit den Siedlern - kein einziges
heimisches Tier wurde bislang domestiziert. So auch die Hunde: Vor der
Besiedlung durch den Menschen gab es in Madagaskar auch keine anderen
Caniden. Löffel- und Hyänenhund, Füchse und Schakale haben den Sprung über
die Straße von Mozambique nie geschafft.
Wo der Mensch, ist stets auch der Hund
Wo der Mensch aber ist, ist auch der Hund: Es gibt praktisch keinen
besiedelten Flecken auf der Welt, an dem der Hund nicht auch anzutreffen
ist. Bis hin zu den abgeschiedensten Atollen im Pazifik begrüßt er uns
schon am Strand. Er bewacht die Zelte der Nomaden an den Brunnen der
afrikanischen Wüsten ebenso wie die Herden der zentralasiatischen
Hochgebirgslandschaften. Selbst im dichtbesiedelten Europa erfüllt er bis
heute seine wichtigen Aufgaben als Sozialpartner, Jagdkumpan, Wach- und
Diensthund. Ob die Hunde Madagaskars mit den aus Asien wurzelnden Volksstämmen
des Hochlandes oder aus dem afrikanischen Raum herüberkamen, verliert sich
im Dunkel der Geschichte - das Erscheinungsbild der rezenten Hunde der
„Grande Île" lässt aber beide Vermutungen zu.
Märchen,
Mythen und Legenden
Wann kam der
erste Hund nach Madagaskar? Das entzieht sich der „reinen"
Wissenschaft, hierüber geben nur die „Angano Gasy" (die manchmal
derben madagassischen Märchen und Legenden) Auskunft, wonach in einem
verbreiteten Mythos der Hund vom Menschen abstammen soll (vielleicht daher
die Tatsache, dass in Madagaskar Hundefleisch nicht gegessen wird - genauso
wenig, wie es dort keinerlei Hinweise auf einen Kannibalismus in früheren
Zeiten gibt): Ein junger Mann hielt um die Hand der Tochter des Schöpfergottes
Zanahary an, der diesen aber wegen eines peinlichen Missgeschickes
verflucht. Dem jungen Mann entfährt nämlich während eines gemeinsamen
Mahles ein zwar lautloser, dafür aber umso mehr stinkender Wind; der erzürnte
Zanahary wirft daraufhin den Jüngling aus dem Himmel - im freien Fall
verliert der Unglückliche auch noch seine Hoden. Zu allem Übel verwandelt
er sich auch noch beim Aufprall auf die Erde in einen Hund. Seit dieser Zeit
schnüffelt der Hund gerne an allen möglichen delikaten Stellen, um seine
Hoden wieder zu finden. Wegen dieser unappetitlichen Eigenschaft erklärten
ihn die Menschen als unrein, und eine der schlimmsten Beleidigungen in
Madagaskar ist es, einen anderen mit „Hund" zu beschimpfen. Zum
Freund des Menschen wurde der Hund dann - wie eine weitere Legende zu
berichten weiß -, als er mit List einen Menschen aus dem Maul eines
Krokodils rettete.
Die heutigen madagassischen Hunde - wenn man von ungewollten Einkreuzungen
von Tieren aus europäischen Hochzuchten einmal absieht - entsprechen
erwartungsgemäß denjenigen Hundetypen, die man auch sonst in
vergleichbaren Klimaten und Lebensräumen rund um den Indischen Ozean
antrifft. Vergleichbare „rasselose" Straßenhunde beschrieb das
Ehepaar MENZEL (1960) als „… keineswegs typlose Mischlinge, sondern man
kann - wo sie sich rein erhalten haben - unter ihnen wohl umschriebene, sich
konstant vererbende Typen unterscheiden. Sie stellen eine Formengruppe des
Canis domesticus, Naturrassen, die sich ohne menschliches Zutun erstaunlich
rein erhalten haben, insbesondere in Gegenden, wo wenig Gelegenheit zur
Kreuzung mit europäischen Hunderassen geboten waren".
Auffallend sind Hunde, die in ihrem Habitus dem australischen Dingo ähneln,
was bereits OTTO ANTONIUS im Vorderen Orient auffiel und worauf er in seinem
Standardwerk „Grundzüge einer Stammesgeschichte der Haustiere"
(1922) hinweist: „Meine eigenen Beobachtungen von Straßenhunden beweisen
… das Vorkommen von allerlei Übergangstypen zu anderen primitiven
Haushundstämmen. Besonders drei Typen fand ich vielfach sehr ausgeprägt.
Einer … schließt sich äußerst eng an den Dingo an: Mittelgroße, stock-
bis glatthaarige, meist rotgefärbte, aber oft auch schwarze Tiere, die äußerlich
vollkommen Dingohabitus zeigen und wohl dem Schädelbau nach in seinen
Formenkreis gehören". Dieser Hundetypus wurde deshalb vom Autor als
„Alika Gasy" („Madagassischer Hund") benannt (s. Kasten auf
Seite 37) und an anderer Stelle der Öffentlichkeit bereits vorgestellt.
Alte Landrassen
Hunde sind in Madagaskar überall anzutreffen, und ein Großteil der in den
ländlichen Regionen zu findenden Tiere ist erwartungsgemäß den so genannten
„alten Landrassen" zuzuordnen. Das sind Tiere, die nicht
auf bestimmte und oft willkürliche Merkmale hoch gezüchtet wurden, und die
neben ihrer sprichwörtlichen Gesundheit über einen reich ausgestatteten
Genpool verfügen. Dies fällt nicht zuletzt durch ein wenig einheitliches
Aussehen schon auf den ersten Blick auf. Sie können durch die natürliche
Selektion an die jeweiligen Lebensbedingungen ihrer Umwelt in einem
bestimmten Gebiet relativ einheitliche Typen ausbilden, wie auch in anderen
Regionen Asiens und Afrikas zu beobachten: In den trockenen Gebieten
Ostindonesiens und im Nordwesten Indiens, teilweise aber auch im zentralen
Hochland und im Süden und Südwesten von Madagaskar, leben Tiere von einem
einheitlichen, fast dingoähnlichen Habitus. Dieser Hundetyp neigt am
ehesten zum Verwildern und stellt aufgrund seines weiten
Verbreitungsgebietes vermutlich eine eigene alte „Landrasse" dar,
wobei er dem Typ des „Alika Gasy" am nächsten ist. Sie ähneln somit
auch einigen aus dem östlichen und südlichen Afrika stammenden Hundeformen
(GALLANT, 1996).
Madagassischer Nationalhund
Interessant ist die Frage, ob es in Madagaskar auch einen einheimischen
Hundetyp gibt, der ebenfalls unseren Vorstellungen von einem
„Rassehund" entspricht. Ja - es gibt ihn, es ist der madagassische
Nationalhund, der „Coton de Tuléar". Nördlich von Tuléar, der
wichtigsten Stadt im „Großen Süden" Madagaskars, erstrecken sich
weite Baumwollfelder, deren aufgeplatzte Kapseln die bekannte watteähnliche
Baumwolle freigeben. Diese schneeweiße Baumwolle (frz. „Coton") gab
einer - bei uns weitgehend unbekannten und selten gesehenen - Hunderasse den
Namen, dem „Coton de Tuléar."
In der Neuzeit brachten europäische Kolonisatoren und Zuwanderer ihre
eigenen Hunde mit. Aus einigen dieser mitgebrachten Hunderassen entwickelte
Madagaskar eine anerkannte neue Rasse, den „Coton de Tuléar" (siehe
Kasten auf dieser Seite), den einzigen madagassischen Rassehund, der auch
bei uns zunehmend Liebhaber findet. (Die Anerkennung als eigene Rasse durch
die FCI erfolgte 1971). Bis zur militärischen Besetzung Madagaskars durch
die Franzosen (1896), und somit dem Beginn der Kolonialzeit, war der Besitz eines „Coton" nur adligen Familien im zentralen Hochland
gestattet, und noch heutzutage finden wir diesen kleinen Hund hauptsächlich
im Besitz der Wohlhabenden - zumeist Händlern und Geschäftsleuten.
Vierbeiniges Alarmsystem
Der vertrauten Personen gegenüber verschmuste Hund, der wegen seiner Anhänglichkeit
an seine Familie, seiner einfachen Erziehung, seines Temperamentes und fröhlichen
Wesens als Familienhund sehr geeignet ist, hat aber zudem wegen seines
Misstrauens Fremden gegenüber meist noch eine Aufgabe als Wachhund. „Der
‚Coton’ ist kein Hund, sondern ein lebendes Alarmsystem …"
bemerkte ein madagassischer Hundebesitzer dem Autor gegenüber. Schon
STREBEL (1905) beschreibt den Malteser - Ahnherr dieser Hunde - als „mürrisch
gegen Fremde, denen er auch fast nie Liebkosungen gestattet." Seine
Intelligenz lässt den „Coton" alles Außergewöhnliche heftig und
unbestechlich verbellen. Dies ist mit einer der Gründe für seine
Beliebtheit: In gehäuftem Maße trifft man den „Coton" im Besitz städtischer
Ladenbesitzer, vor allem reicher Chinesen, die neben einem oder mehreren
dieser Zwerghunde zusätzlich noch einen großen Schutzhund, vorwiegend den
Deutschen Schäferhund, halten. Diese so verschiedenen Rassen bilden dann
ein unschlagbares Team: Der „Coton" alarmiert mit seinem schrillen
Gekläffe seinen großen Freund, der dann im Normalfall einen Eindringling
durch seine mächtige Erscheinung vertreibt. Häufig findet man aber auch
den „Coton" in Gruppen von bis zu fünf Tieren in Haushalten von
Liebhabern dieser Rasse, die dann als Meute einen Gast oder Besucher beim
Betreten des Grundstückes stürmisch empfangen, einen Fremden teilweise
sogar heftig und mutig attackieren.
Wenn auch die Rasse des „Coton de Tuléar" in ihrem Erscheinungsbild
auf Madagaskar relativ variabel erscheint, so kann dieser Hund dennoch
folgendermaßen charakterisiert werden: Bei rund 5 kg Körpergewicht
erreicht er eine Schulterhöhe von 20 - 30 cm. Der für den relativ kleinen
Kopf lange Fang zeichnet sich durch ein Scherengebiss aus. Das dichte und
gewellte Haar ist bis zu 8 cm lang und wird ungeschoren getragen. Der
Fellwechsel ist geringfügig; das Fell selbst ist leuchtend weiß, kann aber
auch in einem hellen Gelbbraun bis zu einem dunklen Grau gescheckt sein.
Viele der vom Autor in Madagaskar angetroffenen „Cotons" würden
einem nach europäischen Vorstellungen geforderten Standard nicht
entsprechen, da sie sich fröhlich auch auf der Straße vermehren und man
allgemein noch mehr Wert auf die Robustheit und den Charakter, als auf ein
bestimmtes einheitliches Äußeres legt. Man findet daher wahrscheinlich in
Europa und in den USA eher einen „reinrassigen Coton de Tuléar" als
in seinem Ursprungsland. Der „Coton" als madagassischer Nationalhund,
der auch schon auf Briefmarken abgebildet war, darf jedoch seit Anfang der
1970er Jahre nicht mehr exportiert werden, sodass theoretisch sämtliche
Hunde dieser Rasse, die man außerhalb Madagaskars antrifft, nicht mehr aus
ihrem Ursprungsland kommen.
Solange madagassische Hundefreunde ihren Nationalhund keinen züchterischen
Modetorheiten unterwerfen, müssen wir uns um den Fortbestand dieses kleinen
tapferen und intelligenten Hundes keine Sorgen machen. Es bleibt hier aber
auf jeden Fall auf der „Grande Île" für die Zukunft der Rasse ein
reichhaltiger Genpool erhalten, was leider heutzutage von nur wenigen
Hunderassen behauptet werden kann.
Autor: Dr.
Frank Woerner
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„Alika
Gasy" - Hundetyp
aus Madagaskar
Die „Alika Gasy" sind schlanke Hunde und zumeist bis mittelgroß,
kurz- oder stockhaarig mit buschiger Ringelrute, Hänge- oder auch
Säbelrute. Auffallend sind die oft großen Stehohren, aber auch Knick-
und Hängeohren sind anzutreffen. Diese Hängeohren können ein Indiz für
die Einmischung von Hunden aus europäischen Hochzuchten sein. Die Ohren
sind in jedem Fall gut bemuskelt und deshalb auch beweglich, und sie
verleihen der jeweiligen Stimmungslage Ausdruck. Die Färbung dieser Tiere
variiert von gelb-weiß oder auch schwarz-weiß gescheckt, oder auch
einfarbig schmutzigweiß über gelblich, falb bis fuchsfarben: weiße
Abzeichen an Rutenspitze oder Brust sind nicht selten und bestärken noch
die Ähnlichkeit mit dem Dingo. Eine weitere Ähnlichkeit mit dem
australischen Dingo drängt sich bei der Fortpflanzung dieser Hunde auf:
als Haushunde könnten sie zwar zwei Mal im Jahr werfen, aber man sieht
selten Welpen während des trockenen Südsommers. Pro Wurf werden im
Schnitt 4 - 5 Welpen geboren, die säugenden Hündinnen sind oftmals
schlecht ernährt; solange ihre Welpen noch gesäugt werden, sind diese in
guter Verfassung.
Die Vitalität des „Alika Gasy" ist sprichwörtlich, denn von einer
tiermedizinischen Betreuung, Impfungen u.ä. kann natürlich schon aus
Kostengründen keine Rede sein. Andererseits wird hierdurch natürlich das
Überleben von kranken und schwächlichen Individuen und deren
Reproduktion nicht gefördert, wie dies leider bei unseren Rassehunden
immer mehr geschieht. Durch die natürliche Auslese entwickelten diese
Hunde ebenfalls eine ausgeprägte Widerstandskraft gegenüber allen
Parasiten, mit denen sie trotz hohem Befall offenkundig leicht fertig
werden, solange sie in ihrer sonstigen Konstitution nicht geschwächt
sind. Diese scharfe Selektion resultiert in Eigenschaften, die alle Paria-
und Straßenhunde, die das kritische Welpen- und Junghundalter überlebt
haben, gemeinsam haben: eine robuste Gesundheit bei hoher körperlicher
Leistungsfähigkeit, die gepaart mit einer ausgeprägten Intelligenz bzw.
Problemlösungsfähigkeit ist. Ein Straßenhund, der nicht flexibel auf
jedwede für ihn relevante Veränderung der Umweltbedingungen sofort
reagiert, lebt nicht lange. Die Intelligenz und die
Problemlösungsfähigkeiten, die die Straßenhunde entwickeln mussten, um
die harte Selektion in Hinsicht auf die Fähigkeit zur selbständigen
Lebensweise und ohne direkte Abhängigkeit vom Menschen zu überleben,
führte zu einer extremen Eigenständigkeit, die sie nur schwer erziehbar
macht.
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